Geiz macht tot – Über indische Bauern und transnationale Konzerne

  



Ein Zyniker ist ein Mensch, der von jedem Ding den Preis und von
keinem den Wert kennt.
Oscar Wilde



  

Ostern, die Christen feiern das Fest der Auferstehen Jesus von den Toten. Nicht wieder auferstehen werden etwa drei Dutzend indische Bauern, die sich nach einer (weiteren) verheerenden Missernte in der zentralindischen Region Vidarbha, in den letzten zehn Tagen das Leben nahmen. Nach einem Bericht des Senders NDTV am Sonntag, seien die Landwirte, meist Baumwollfarmer, hoch verschuldet gewesen und hätten aufgrund der Ernteausfälle sowie stark gefallener Preise für Baumwolle, keinen Ausweg mehr aus der Krise gesehen.



Die vom Baumwollanbau geprägte Region Vidarbha, ein gürtelartig langgestreckter Landstrich, liegt etwa 600 Kilometer nordöstlich der Metropole Mumbai. Aufgrund des Freitods Tausender Bauern ist Vidarbha in der Vergangenheit immer wieder als "Selbstmordgürtel" Indiens in die Schlagzeilen geraten. Das hat seinen erschütternden Grund darin, dass – nach Angaben der indischen Regierung – sich seit 1997 landesweit etwa 180.000 meist hoch verschuldete Landwirte das Leben genommen haben.



Die indische Regierung hatte bereis Anfang 2008 ein umgerechnet knapp 10 Milliarden Euro umfassendes Hilfspaket für den Agrarsektor verabschiedet, mit dessen Hilfe 30 Millionen Kleinbauern die Schulden erlassen werden sollten. Das sollte international gut aussehen… war aber noch nicht einmal das wonach es aussah, denn das Programm galt nur für Kredite bei Banken; die den meisten kleinen Bauern ohnehin nie Kredit geben und gaben. Das Programm war also – bei Lichte betrachtet – nur eine Vermeidung von Kreditausfall der Banken.



Bürgerrechtler kritisierten zu Recht, dass das Programm die massenhaften Darlehen bei örtlichen Geldverleihern – Kredithaien, die horrende Zinsen verlangen und viele Bauern in die Schuldknechtschaft zwingen – nicht einschloss. Daher konnte bislang nur ein Bruchteil der betroffenen Bauern Nutznießer der Schuldentilgung sein. Jean Ziegler verwendet deutliche Worte: "Heute müssen wir mit ansehen, wie die Welt von
neuem feudalisiert wird. Die despotischen Herrscher sind wieder da. Die neuen kapitalistischen Feudalsysteme besitzen nunmehr eine Macht, die kein Kaiser, kein König, kein Papst vor ihnen je besessen hat.“ Und: "In der Welt des Feudalismus, die durch die Abwesenheit von Lohnarbeit definiert wird, unterjocht der Herr seine Leibeigenen durch die Schuld."



Es wird immer noch schlimmer



Die jüngste offizielle Zahl stammt aus Jahr 2007; in diesem Jahr allein wählten 16.600 Bauern den Freitod; 2006 waren es sogar mehr als 17.000 Selbstmorde. Wenn man nachrechnet, bringt sich alle acht Stunden in dieser indischen Agrar-Provinz ein Bauer um. Diese schockierende Statistik lenkt zwar den Blick auf die Globalisierungsverlierer in der sog. Boom-Ökonomie Indien, aber die Statistik bildet – wie alle Statistiken – das wahre Ausmaß der Katastrophe nicht ab.



Nicht von der Statistik erfasst sind nämlich die hinterbliebenen Familien, denn mit dem Selbstmord ihres Familienoberhaupts sind die Schulden nicht etwa erledigt, sondern sie gehen an die Frauen über, die meist keinerlei Ahnung davon haben, wie viele Kredite ihre Männer aufgenommen haben und wie sie diese überhaupt zurückzahlen sollen. Überdies müssen sie weiter ihre Kinder ernähren und die Äcker bewirtschaften; meist müssen sie ihre Verwandten um Hilfe bitten… und so werden immer weitere Kreise der Ärmsten in diesem Sog hinab in die Schuldknechtschaft gezogen.



Oberflächlich betrachtet ist die Regierung in Neu-Delhi schuld



Ob es um den Anbau von Baumwolle oder andere landwirtschaftliche Produkte geht, Indiens Landwirtschaft steht in allen Bereichen vor einem weiteren Jahr mit gigantischen Umsatzverlusten; und die resultieren nicht nur aus witterungsbedingten Missernten. Klar, das ist immer die einfachste Erklärung, aber es gibt weitere Ursachen, die nicht natürlicher Art sind, aber die Natur betreffen: In vielen landwirtschaftlichen Gebieten Indiens ist durch die Intensivlandwirtschaft einiger Großunternehmen, der Grundwasserspiegel so weit abgesunken, dass ein lohnender Anbau durch die Kleinbauern kaum mehr möglich ist, denn die können sich z.B. Pumptechnik nicht leisten.



Das größte Problem allerdings hat mit der Natur rein gar nichts zu tun!



Dieses Problem stellt die Politik der Zentralregierung in Neu-Delhi dar; sie ist – oberflächlich betrachtet – sozusagen der Hauptfeind der Bauern. Indiens Regierung hat sich – wie viele Regierungen in den Länder des Südens auch – dem Druck der WTO beugen müssen und im Namen des Freihandels, die Importzölle und die Subventionen heruntergefahren. Nun müssen die Bauern mit Anbietern aus der EU und den USA konkurrieren, deren Agrarprodukte aber durch Zölle geschützt und in Milliardenhöhe subventioniert werden. „Gleiches Recht für alle“ gilt hier nicht… in der WTO haben die USA und die EU das Sagen und was für andere verordnet wird, muss man selbst ja nicht machen. Hier zeigt sich der wirklich Schuldige. Das Ergebnis der WTO-Politik ist der beispiellose Verfall desjenigen Produktionssektors, der in Indien einst fast eine Milliarde Menschen ernährte.



Baumwolle zum Beispiel wurde einst als weißes Gold bezeichnet und auch so gehandelt. Der einst nährstoffreiche Boden in der Region Vidarbha war bestens zur Kultivierung von Baumwolle geeignet. Noch 1970 erzielte eine Tonne den Gegenwert von zwölf Gramm Gold. Doch durch die Liberalisierung des Landes, Anfang der 1990er Jahre, verlor Baumwolle schnell an Wert. Die Freigabe der Düngemittel- und Saatgutpreise trieb die Produktionskosten in die Höhe, parallel sanken die Einnahmen der Bauern immer weiter. Die Einfuhr billiger Baumwolle aus den USA, China und Pakistan drückte schließlich den Abnahmepreis in Indien unter die eigentlichen Produktionskosten; das will was heißen, in einer handarbeitsintensiven Branche wie der Landwirtschaft und Tagelöhnen von weniger als einem Euro.



"Im Interesse der Industrie hat Indien seine Zollgrenzen geöffnet, obwohl die Landwirtschaft dafür so gut wie nicht vorbereitet war", sagt Vijay Jawandhia, Wirtschaftswissenschaftler und Sprecher von "Shetkari Sanghatana", einer Aktivistengruppe der Baumwollbauern. Er zielt damit einen kritischen Punkt der indischen Liberalisierung. Derzeit beträgt der Einfuhrzoll auf Baumwolle 15 Prozent – für Zucker dagegen zum Beispiel 60 Prozent, für Reis 80 Prozent. Dazu kommt, dass die Landwirtschaft jahrelang vernachlässigt wurde. Diese Politik macht es den Bauern heute so gut wie unmöglich, der Weltkonkurrenz zu begegnen.



Wo viel Schatten ist, ist auch ein wenig Licht



Zur Geschichte des landwirtschaftlichen Niedergangs muss auch erwähnt werden, dass einige wenige Inder durch diese Politik gewonnen haben. Vor allem die Zwischenhändler hätten vom Preisverfall profitiert, sagt Jawandhia. Vor zehn Jahren lag der Preis für Baumwolle auf dem Weltmarkt noch bei zwei Euro pro Kilogramm. "Jetzt ist er auf unter 40 Cent gesunken." Dennoch habe sich der Stoffpreis erhöht: "In den Shops hat man früher den Meter Stoff für 70 Cent verkauft. Heute muss man
über 1,40 Euro dafür bezahlen." Das meiste streichen die Zwischenhändler ein.


Viele Bauern dagegen müssen in ihr Heil in Krediten suchen und verschulden sich bei privaten Geldverleihern mit Wucherzinsen, weil günstigere Kredite bei Banken für sie nicht zu haben sind… und das, obwohl die Regierung günstige Saatgutkredite unter dem üblichen Marktzins angeboten hat. Aber was ich oben zum Entschuldungs-Programm schon gesagt habe, trifft auch auf dieses Programm zu, denn das Geld wurde erst freigegeben, als die Zeit der Aussaat fast vorbei war. So haben nur wenige Bauern von den zinsgünstigen Kleinkrediten der Genossenschaftsbanken profitiert. Den meisten Bauern blieb nichts anderes übrig, als wieder bei privaten Geldverleihern immer weitere Kredite zu Wucherzinsen aufzunehmen – die teilweise bis zu 150 Prozent betragen.



Die meisten privaten Geldverleiher sind zugleich die größten Landbesitzer, Händler oder beides zugleich. "Die Farmer müssen von diesen Geldverleihern loskommen", sagt B. L. Mungekar, Mitglied der Planungskommission und Landwirtschaftsexperte. Das Problem ist nur: Private Geldverleiher arbeiten noch viel skrupelloser als die Banken – und geben auch noch Geld, wenn Kreditinstitute schon Nein sagen. Mungekar: "Wenn die Sache dann schief geht, wählen die Bauern den Selbstmord. Oder sie geraten in totale Abhängigkeit."



Armut auf dem Lande, Reichtum an der Börse



Über meinem Schreibtisch hatte ich einmal den Spruch aufgehängt: „Lächle, denn es könnte schlimmer kommen. Ich lächelte… und es kam schlimmer.“ Mittlerweile jedoch habe ich ihn wieder abgehängt… angesichts dessen, was sich weltweit in den Ländern des Südens abspielt. Was, werden Sie vielleicht denken, kann denn da noch schlimmer werden? Nun, die Not der Bauern hat sich in den letzten Jahren zum einen noch dadurch verschlimmert, dass sie auf den Feldern immer mehr Pestizide gegen Schädlinge einsetzten – um der Konkurrenz mit niedrigen Kosten zu begegnen. Falscher Gebrauch der chemischen Hilfsmittel (die hierzulande meist verboten sind, weil sie die Gesundheit zerstören, wie z.B. DDT) führte jedoch dazu, dass Schädlinge resistent wurden, die Böden ausgelaugt wurden und die Erträge sanken.


Zum anderen versprach man den Bauern, dass dieses Problem durch das genveränderte Baumwoll-Saatgut namens "Bacillus-thuringiensis-Cotton" zu lösen wäre. Doch die Pflanzenkeime, die der Saatgut-Multi Mahayco-Monsanto Biotech im Jahre 2002 eingeführt hat, sind dreimal so teuer wie konventionelle Samen und werden nur gegen langfristige Vertragsbindung verkauft. Heute gelten sie als Flop für die Bauern: "Alle Ankündigungen von Monsanto waren irreführend. Die aggressive Markteinführung hat tausende Bauern in den finanziellen Ruin getrieben", sagt R. V. Ramanjaneyulu vom Center for Sustainable Agriculture, einer Nicht-Regierungsorganisation. Monsanto dagegen verweist auf die "schwierigen klimatischen Bedingungen", die auch herkömmlichen Baumwollpflanzen geschadet hätten.


Die Selbstmordrate der indischen Bauern wird in den wenigsten Medien des Landes erwähnt. Als sich in Vidarbha der 1000. Bauer wegen Überschuldung das Leben nahm, schauten alle auf die Börse in Mumbai (Bombay) – dort hatte zur selben Zeit der indische Aktienindex erstmals die 13.000-Punkte-Grenze übersprungen. Dass beides nahezu zeitgleich geschah, charakterisiert auf bizarre Art, wie es um Indiens neue Wirtschaftswunderwelt bestellt ist: Die Wirtschaft wächst mit beachtlichen Raten, die Börse boomt – aber weniger als zwei Prozent aller Haushalte in dem  südasiatischen Land investieren überhaupt Geld in Aktien.



Zum Schluss



Indien – hierzulande eine Phantasie-Landschaft und (nach China) das Objekt der Begierde für unsere Export-Industrie oder die Arbeitsplatz-Verlagerer. Das Land wird hier ob seiner Industriekönige und Software-Ingenieure oder wegen der Schmachtfetzen aus Bollywood gefeiert. Doch das ist nur die hauchdünne glänzende Oberfläche. Jeder zweite Inder ( = ca. 600 Millionen Leute) kann nicht richtig lesen und schreiben… zwei Drittel aller Beschäftigten finden ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Sie werden von der WTO, den Landwirtschaftssubventionen in den USA und der EU und transnationalen Konzernen zu Verlierern gemacht, die kaum jemand wahrnimmt.



Wann endlich zwingen wir die Politiker hierzulande, von der menschenverachtenden Politik des unbeschränkten Freihandels Abstand zu nehmen? Wann zwingen wir unsere Regierung, die das Wirtschaftsschwergewicht Deutschland bei den Verhandlungen in Doha vertritt, der WTO-Politik Leitplanken einzuziehen? Wann endlich erkennen wir, dass das Los der indischen Bauern etwas mit uns persönlich zu tun hat und treten dafür ein, dass die Politiker Konzernen wie Monsanto nicht auch noch hierzulande Tür und Tor für ihre genveränderten Pflanzen öffnen?



Wenn wir nichts tun um die Bedingungen für die Menschen z.B. in Indien zu verbessern, werden diese Bedingungen gegen uns selbst eingesetzt… und man wird mit dem Totschlags-Argument der Globalisierung – zum Vorteil der Großfinanz und der Konzerne – in Europa die mühsam errungenen Standards (Arbeitszeit, Löhne, Gesundheitsschutz…) verschlechtern; wie es in Deutschland ja schon geschehen ist. Der indische Aktivist Jawandhia träumt von Europa: "Dort bekommen die Bauern zwei Euro am Tag, um ihre Kühe zu füttern. Hier rackern wir uns tagein, tagaus auf unseren Feldern ab und verdienen nicht mal einen Euro." Jawandhia spottet: "In unserem nächsten Leben sind wir lieber Kühe in Europa als Bauern in Indien." Was wollen wir im nächsten Leben werden, wenn hier einmal „indische Verhältnisse“ herrschen?



Wilfried John




Wer sich die Frage stellt, was man als Verbraucher direkt für die Bauern in Indien tun kann, den verweise ich auf meinen Artikel „Komm, spielen wir Schicksal – Über Ausbeutung von Kindern Teil III“, in dem ich über faire öffentliche Beschaffung und sog. Sozialsiegel Auskunft gebe.



Auch wer sich über Arbeitsbedingungen und solche Begriffe wie Schuldknechtschaft informieren möchte, findet Erklärungen in diesem Beitrag.



Wer sich über die Machenschaften Transnationaler Konzerne informieren möchte, dem sei der Beitrag „Vorsicht, Buchbesprechung!“ empfohlen, in dem es um das Buch „Das Imperium der Schande“ des Schweizers Jean Ziegler geht.


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