9. November – Der Deutscher Tag





Die Geschichte lehrt, dass sich Menschen und Nationen erst dann klug verhalten, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind.

Abba Eban, israelischer Politiker.




Es gibt viele Gedenktage… und das nicht nur in unserem Lande, sondern überall auf der Welt. Neuerdings gibt es sogar internationale, von den UN ausgerufene, Gedenktage, die weltweit an dies oder jenes erinnern sollen. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass z.B. daran gedacht werden soll, Bücher zu lesen oder auf die Reinerhaltung von Wasser zu achten; grundsätzlich wäre sogar nichts gegen einen Gedenktag für Gedenktage einzuwenden.

Regelrecht inflationär steigt auch die Zahl der Jahrestage… wobei das aber auch gewissermaßen natürlich ist, insofern die Ereignisse, deren geschichtliches Datum sich jährt, desto zahlreicher sind, als eben unsere nähere Vergangenheit voll von erinnernswerten Ereignissen ist. Nun könnte man einfügen, dass auch eine Vielzahl von Jahrestagen begangen werden (und ich benutze das Wort begangen, im Sinne von „eine Untat begehen“, sehr bewusst), deren geschichtlicher Gehalt kaum bis gar nicht bemerkenswert ist.

Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass es bei der Einrichtung solcher Tage, da es sich bei Gedenk- und Jahrestagen um eine Art der Geschichtsschreibung oder des historischen Erinnerns handelt, ebenso wie bei der allgemeinen Geschichtsschreibung selbst, um eine interessengeleitete Art von Vermittlung bestimmter Sichtweisen geht. Darüber, dass die aufgeschriebene Geschichte immer so etwas wie die Geschichte der Sieger ist, habe ich im Zusammenhang mit einigen Buchbesprechungen (explizit bei Eduardo Galeano) schon mehrfach geschrieben.

Heute wird im offiziellen Deutschland dem 70. Jahrestag der sog. Reichspogromnacht gedacht. Agitiert vom Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, wurden im gesamten Deutschen Reich von organisierten Rollkommandos der Nazis Synagogen in Brand gesteckt, Geschäfte und Wohnungen von Juden geplündert und jüdische Friedhöfe geschändet. In jener Nacht wurden 91 Juden ermordet und 26000 in Konzentrationslager verschleppt. Dieser barbarische Akt geschah vor den Augen des ganzen Deutschen Volkes, doch kaum jemand gebot dem Treiben Einhalt.

Fälschlicherweise wird heute allenthalben in Gedenktagsreden von einem Pogrom gesprochen. Es ist zwar richtig, dass das Wort im historischen Bezug für Judenverfolgung gebraucht wird, doch steht es für Gewalttaten, Hetze, Plünderungen und Unterdrückung von Juden im zaristischen Russland im 19. Jahrhundert – was sich aber meist spontan und lokal vereinzelt ereignete.

Davon kann für den 9. November 1938 keine Rede sein! Das war eine von langer Hand vorbereitete Aktion, der jede Spontaneität abgesprochen werden kann. Auch wenn offiziell das Attentat des 17jährigen Polen Herschel Grynszpan auf den Gesandtschaftsrat E. v. Rath am 7.11.1938 in Paris als Anlass für die Gewaltverbrechen genannt wird, so wäre – wenn nicht dieser – jeder andere Anlass (ein realer oder erfundener) den Nazis auch willkommen gewesen; denn das Datum stand schon lange fest (darauf komme ich später zurück).

Die systematische Verfolgung der Juden war sozusagen von Anfang an das Kalkül der NSDAP gewesen (Adolf Hitler – „Mein Kampf“). Die offizielle Geschichtsschreibung spricht davon, dass mit der sog. Reichspogromnacht die Diskriminierung der Juden begann… doch das ist faktisch falsch. Richtig ist: Mit dieser Barbarei ging der diskriminierende Antisemitismus in die Phase der systematischen Verfolgung – von der sog. Arisierung jüdischer Geschäftsvermögen bis hin zum Holocaust – über.

Für die Geplantheit der „Reichskristallnacht“ spricht außerdem, dass für die Zeit danach schon fertige Konzepte in den Schubladen der Nazis lagen: Die jüdische Bevölkerung in Deutschland musste für die von den Nazi-Schergen angerichteten Schäden aufkommen. Die Juden mussten ihre Versicherungsansprüche an das Deutsche Reich abtreten und schließlich ein sog. Sühnegeld von 1,25 Mrd. Reichsmark (nach heutiger Währung ca. 4,5 Mrd. Euro) bezahlen.

Es handelt sich bei diesen Ereignissen des 9. November 1938 nicht um ein Pogrom im Sinne des Wortes, sondern es handelt sich um einen großen, gut geplanten und organisierten Raubzug der Nazis (und, um das nicht zu vergessen, der sie tragenden sog. bürgerlichen Eliten) gegen die Juden in Deutschland – später dann gegen das Europäische Judentum; soweit man ihm in den überfallenen Ländern hat habhaft werden können.


An dieser Stelle könnte ich es mit diesem Artikel sein Bewenden lassen, doch dann hätte ich eine andere Überschrift wählen müssen. Warum ist der 9. November ein Deutscher Tag? Warum schrieb der Autor nicht von einem Tag der Deutschen? Warum begann er mit diesem Tag im Jahre 1938? Nun, der 9. November ist deswegen ein Deutscher Tag, weil an diesem Tag Ereignisse stattfanden, die das Deutschland von heute haben so werden lassen wie es aktuell ist.



Der 9. November aber ist deswegen kein Tag der Deutschen, weil man das Datum sehr bewusst mit dem oben genanntem Ereignis „befrachtet“ – damit man sich in der breiten Bevölkerung nur ja nicht allzu gründlich mit dem Datum beschäftigt; mit Judenverfolgung will man in Deutschland (auch über sechzig Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft) aus unterschiedlichen Gründen nichts zu tun haben.



Die einen wollen nichts damit zu tun haben, weil sie familiäre Verstrickungen befürchten und deswegen lieber nicht nachfragen, andere wiederum wissen sehr genau, in welchen Verstrickungen sie stecken (z.B. wo ihre Vermögen oder Firmen oder beides herkommen) und es ist ihnen um ihren bürgerlichen Ruf bange. Wieder andere denken größer und befürchten, dass man die Ursachen hinter diesen Ereignissen erkennen könnte; denn ohne jeden Zweifel ist es so, dass die Gräuel des 9.11.1938 auch eine politische Bedeutung – über die Charakterisierung als Raubzug hinaus – haben wird.



Neben den handfesten materiellen Interessen der Nazis und des sie tragenden Bürgertums (weswegen ich mich als Deutscher heute noch schämen würde, mich bürgerlich zu nennen), gab es auch noch politische Interessen, die nicht direkt etwas mit der Judenverfolgung zu tun hatten. Es war dies das Interesse, zwei weitere 9. November vergessen zu machen! Dazu muss der Propaganda etwas zur Verfügung stehen, das sozusagen die Erinnerung der Menschen dauerhaft blockiert. Deswegen war das Datum der sog. Reichskristallnacht nicht ein 13. August oder ein 21. Oktober, sondern ein 9. November – zum einen es galt es die Erinnerung an den 9. November 1923 auszulöschen, dem Tag, den Hitler als Schmach empfunden haben musste.



Am Sonntagmorgen des 9. November 1923 marschierte Hitler zusammen mit dem Kriegsverbrecher des 1. Weltkriegs General Erich Ludendorff und weiteren Anhängern zur Feldherrnhalle in München. Mit diesem Umsturzversuch wollte er die Macht im Staate an sich reißen. Doch die bayerische Polizei stoppte den Marsch und damit auch Hitlers Versuch, gewaltsam an die Macht zu gelangen. Hitler floh feige seiner Verantwortung und suchte Unterschlupf bei Gönnern und wollte sogar Selbstmord verüben. Leider wurde er davon abgehalten und so konnte man ihn schließlich verhaften. Die Niederlage war perfekt, da im Zuge dieses gescheiterten Versuchs obendrein die NSDAP verboten und Hitler zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Noch einmal hatte der Rechtsstaat obsiegt. Das passt nicht in den Allmachts-Mythos des Führerkults.



Zum anderen galt es eine weitere Erinnerung zu löschen oder zu überlagern; der Grund war noch sehr viel wichtiger: Im Herbst 1918 überschlugen sich im Deutschen Reich die Ereignisse. Angesichts der bereits feststehenden Niederlage des Deutschen Reiches im 1. Weltkrieg, wurde der Ruf nach Frieden und der Abdankung des Kaisers lauter, man erkannte, dass die Soldaten nicht für Kaiser, Volk und Reich auf den Schlachtfeldern verblutet waren, sondern für ein goldenes Scheißhaus von Krupp (wie sich mein Großvater – selbst Verdun-Veteran – auszudrücken pflegte). Es kam zu einer Revolutionsbewegung. Betriebe wurden bestreikt, in vielen Städten bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, welche die Organisation des öffentlichen und industriellen Lebens übernahmen. Am 9. November erfasste die Revolution auch Berlin, wo sie den Kaiser zur Abdankung und Flucht zwang und zur Demokratischen Republik führte.



Im Rausch der sog. Reichskristallnacht sollten die Deutschen sich allesamt als Sieger fühlen; obschon sie doch schon zu dieser Zeit allesamt Verlierer waren. Sie sollten vergessen welche Kraft im Begehren der Menschen steckt, das vor keiner Waffe, keinem Knüppel und keinem Gefängnis zurückschreckt. Sie sollten vergessen, dass sie ihr Schicksal selbst bestimmen könnten, anstatt sich von einem dahergelaufenen Führer (ver-)leiten zu lassen.



Gedenktage haben ja auch ihren Zweck und grundsätzlich habe ich nicht das Geringste dagegen, dass jeden 9. November an die Ereignisse an jenem Tag 1938 erinnert wird. Doch die eine oder andere Frage bleibt. Zum Beispiel die Frage, warum in Deutschland der 3. Oktober zum Nationalfeiertag wurde, an dem die Wiedervereinigung gefeiert wird. Denn es war zufällig an einem 9. November, als auf einer stinknormalen Pressekonferenz das DDR-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski sagte, dass „ab sofort“ (das waren seine Worte) die Grenzen offen seien. Somit läge es eher auf der Hand, im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung Deutschlands, eben an jenen 9. November 1989 zu erinnern.



Ich bin sicher, dass man unter den damals agierenden Politikern daran gedacht hat… doch man wird ganz ähnlich gedacht haben, wie seinerzeit die Strategen im Reichspropaganda-Ministerium (womit ich natürlich niemanden mit den Nazis gleichsetzen möchte). Aber es können zu allen Zeiten gleiche Gründe für das Handeln angeführt werden, wenn auch das Handeln unterschiedlich sein mag. Hätte man den 9. November zum National-Feiertag ausgerufen (Begründungen dafür wären ja – wie ich gezeigt habe – reichlich vorhanden), wäre diese „vermaledeite“ Erinnerung an jenen 9. November 1918 jedes Jahr aufs Neue ans Licht gezerrt worden.

Das kann den heutigen Machtpolitikern ebenwenig recht sein, wie es den Nazis recht war. Es bleibt aber eine Schande für die Deutsche Politik, dass man sich bis in die Gegenwart dem Nazi-Propaganda-Trick bedient und den 9. November lieber mit einem Thema blockiert, mit dem sich niemand wirklich beschäftigen möchte. Damit hat man als Politische Klasse (und als Nutznießer deren Politik) dann das was man haben möchte: Seine Ruhe. Gewiss, es ist eine Ruhe, die etwas unbequem ist, weil man sich ja schließlich vor die Mikros stellen muss und von den Gräueln der Nazis reden muss; aber das ist halt der Preis, den man gerne bezahlt.



Gerade in den letzten Jahren zahlt es sich aus, dass sich so niemand an die Kraft des Begehrens erinnern kann. Noch vor Kurzem war die Empörung über das kapitalistische System groß, das viele hundert Milliarden Euro versenkt hat. Das Geschrei über Managerhaftung und über Regulierung des internationalen Finanzkapitalmarktes gellt mir noch in den Ohren. Heute stellen sich Leute, die noch vor kurzem – allem Anschein nach – dem Neoliberalismus abschworen, wieder vor die Mikros und reden davon, dass das System doch das Beste sei und die Krise bewältigt habe (G. Westerwelle nach seiner letzten Wiederwahl als Vorsitzender der FDP).

Verschwiegen hat er allerdings, dass das System als Verursacher nicht in die Verantwortung genommen wurde, sondern dass die Rettung des Systems jenen aufgebürdet wurde, die von diesem System seit eh und je ausgebeutet werden. Noch kurz vor dem Crash war jede Erhöhung der Staatsverschuldung Teufelswerk und ein Verbrechen an den künftigen Generationen und der ausgeglichene Staatshaushalt oberstes Gebot. Doch das ist angesichts der Rettungsaktion zugunsten des Kapitalismus kein Thema mehr gewesen, sondern auf unbestimmte Zeit verschoben (man muss halt Prioritäten setzen – da geht der Erhalt des Systems eben vor).

Es ist verdächtig ruhig in den Medien – der erste Zorn der Menschen ist in schreienden Schlagzeilen verpackt worden und schließlich verraucht. Was eben noch als zynische Selbstbedienungsmentalität gegeißelt wurde, wird nun nicht mehr in Frage gestellt. Anstatt dass die Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, verlassen sie sich auf diejenigen, die durch ihre Fahrlässigkeit, ihr Stillhalten und ihr Dazutun die Krise erst möglich machten.



In diesem Zusammenhang fällt mir ein altes Sprichwort ein: Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihre Metzger selber. Wie gut wäre es, wenn an diesem 9. November in Deutschland, an die Ereignisse von 1918 erinnert würde!? Ich möchte das noch verlängern und erhöhen und an die letzten Worte des Abgeordneten Robert Blum erinnern. Der Abgeordnete Robert Blum? Wer ist das denn schon wieder? Nun, er war ein Demokrat, der an einem 9. November im Jahre 1848 in Wien von den Truppen der Gegenrevolution erschossen wurde.



Das Ereignis markierte den Anfang vom Ende der so genannten Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes. Begonnen hatte das revolutionäre Zeitalter in Frankreich, es erfasste nahezu ganz Europa und erreichte schließlich auch Deutschland. Geistiges Fundament der Revolutionsbewegung war die Forderung nach einer Verfassung, die den Ausgleich von monarchischer Autorität und Volkssouveränität bringen sollte. Zudem standen im Mittelpunkt die nationale Frage - die Forderung nach nationaler Einheit und Unabhängigkeit – und die soziale Frage, insbesondere die Forderung nach vollständiger Bauernbefreiung und sozialer Sicherung der freien Lohnarbeiter.



"Ich sterbe für die Freiheit" rief Robert Blum ganz zuletzt aus. Doch der erste Versuch, Deutschland als Teil einer europäischen Modernisierung nach freiheitlichen und nationalen Leitvorstellungen auszurichten, scheiterte an dem Widerstand der reaktionären Kräfte. Nun haben offenbar die reaktionären Kräfte erneut gesiegt… nur sind es diesmal nicht Abgeordnete die sterben werden, sondern weltweit hunderttausende Kinder und Frauen des Südens, denen das Geld für ein Überleben fehlt, weil es die Finanzstrategen des Nordens für die Rettung des Kapitalismus verschwenden.



Vom Schweizer Schriftsteller Robert Walser stammt die Sentenz, die für mich Leitmotiv ist:

"Die Großen sind nicht durch sich selbst groß, sondern durch die anderen, durch alle die, denen es ein Entzücken bereitet, sie als groß zu erklären. Durch vieler Leute Würdelosigkeit entsteht diese eine überragende Ehre und Würde. Durch vieler Leute Kleinheit und Feigheit entsteht diese auf einen Punkt angehäufte Summe von Größe und durch vieler Leute Verzicht auf Macht diese gewaltige Macht. Ohne Gehorsam ist der Befehlshaber und ohne Diener ist der Herr nicht möglich.“


Fünfmal der 9. November, der Schicksalstag der Deutschen – nun ja, was hätte nicht alles aus ihm werden können…



Wilfried John

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